Diesen Erfahrungsbericht hat Claudia Hüner, die ich aus der Online-Selbsthilfegruppe des „Projekt JaDe – Unterstützung für jung an Demenz erkrankte Menschen und ihre Angehörigen“
– der Alzheimer Gesellschaften NRW kenne, geschrieben. Sie war mit ihrem Mann in Bad Aibling. Ich finde es wichtig, Erfahrungen zu sammeln und zu teilen.
Stressige Reha voller Barrieren
1. Die Wartezeit zwischen Rehagenehmigung und Terminzusage ist sehr lang. Daher ist die Reha möglicherweise noch nicht/nicht mehr passend für die betroffene Person.
2. Es gibt keine Abstimmung vor Rehabeginn, ob die Reha schon/noch passend ist für die betroffene Person. Entsprechend über-/unterfordert sind die Gäste.
3. Die begleitende Person wird trotz Rückfrage nicht darüber informiert, dass sie ggf. für die Zeit der Reha Krankengeld beantragen kann. Möglicherweise ist das im Alzheimer Therapiezentrum gar nicht bekannt.
4. Die Anmeldung im Alzheimer Therapiezentrum findet morgens um 9:00 h statt wie häufig üblich um 16 h, so dass betroffene Person in den meisten Fällen vor Anreise noch zwischenübernachten muss.
5. Die mitzubringenden Unterlagen (z.B. aktuelles MRT) werden nicht gesichtet.
6. Die Appartements und Therapieräume befinden sich in 6 Reihenhäusern mit mindestens 3 Ebenen. 4 Reihenhäuser sind unterirdisch verbunden. Die verschiedenen stündlichen Termine des Tages verteilen sich über mehrere Häuser und Ebenen. Je nach Wetterlage müssen sich die Gäste entsprechend häufig an- und auskleiden.
7. Selbst das Erdgeschoss mancher Häuser ist nur über Treppenstufen erreichbar. Es gibt keine Aufzüge und nur wenige Rampen.
8. Die Reihenhäuser des ATZ sind optisch alle nahezu identisch, so dass eine Orientierung selbst nicht betroffenen Personen schwer fällt. Die Hausaufgänge sind unterschiedlich farblich markiert, aber dieser Farbcode wird weder in den Schlüsselanhängern für die Appartements noch in den Therapieplänen, in den Rettungswegeplänen oder bei den Stehsammlern für die persönliche Korrespondenz aufgegriffen.
9. Der Öffnungsmechanismus zum Appartement oder zum Untergeschoss erfolgt über einen elektronischen Impuls. Ein kleiner Dongle muss mit der Fingerspitze eingedrückt an das Türschloss gehalten werden, bis ein leiser Piepton ertönt. Dann kann der Türknauf (ca. 1,5 cm im Durchmesser) gedreht werden. Bei Hörproblemen und/oder weniger kräftigen Händen ist das Türschloss nicht zuverlässig zu entriegeln.
10. Die gesetzlich vorgesehenen Aushänge zur Information über die Rettungswege sind nicht an die zum Teil eingeschränkte Sehfähigkeit der betroffenen Person angepasst.
11. Die Schlafhygiene ist mangelhaft: Die (Kranken-)Betten stehen getrennt an den gegenüberliegenden Wänden des Zimmers. Schlaf- und Wohnraum sind nur durch eine spärliche Gardine getrennt. Der Schlafraum lässt sich nicht abdunkeln. Der laute kleine Kühlschrank steht offen im Wohnraum. Einen nächtlichen „Leise“-Modus gibt es nicht.
12. Das Haus ist sehr hellhörig.
13. Das Bad ist winzig. Eine Unterstützung der betroffenen Person durch die Begleitung bei der Körperhygiene ist schwierig.
14. Es gibt keinen Bewegungsmelder im Bad, der das Licht beim Betreten einschaltet.
15. Es gibt keinen Farbcode im Appartement/Bad, der die Gäste darin unterstützen würde, z.B. im ihnen ungewohnten Bad ihr eigenes Handtuch zu erkennen. Z. B. blaue Bettwäsche, blauer Sesselbezug, blaues Handtuch für betroffene Person, gelbe Bettwäsche, gelber Sesselbezug, gelbes Handtuch für Begleitperson. Die Wahrscheinlichkeit für den ersten Streit am Morgen ums richtige Handtuch würde reduziert.
16. Es fehlen die empfohlenen Kontraste bei Lichtschaltern, Badkeramik, Möbeln.
17. Die Appartements sind trotz täglicher Reinigung nie sauber. Der Schmutzfilm wird durch das Wischen nur neu verteilt. Der Laminatboden weist große Lücken auf, in denen sich der Schmutz sammelt. Dem Mobiliar fehlt teilweise großflächig das Furnier und der Pressspan ist sichtbar und kaum sauber zu halten.
18. Es mangelt in sämtlichen Räumen am empfohlenen Tageslicht. Einige Therapieräume und der Speiseraum befinden sich im Keller. Einseitig befindet sich ein von der Straße abgeböschter Gartenstreifen.
19. Erst bei Anreise haben wir erfahren, dass wir auch am Wochenende im Alzheimer Therapiezentrum übernachten müssen.
20. Es gibt keinen Aufenthaltsraum, in dem man sich als Begleitperson während der zahlreichen Freistunden aufhalten und mit anderen Begleitpersonen austauschen kann. Es gibt einzig eine Sofalandschaft in einem Flur in einem Keller. Nach Ende der Therapien stehen ein Therapieraum und der Sportraum für ein geselliges Miteinander zur Verfügung.
21. Auf den Ablagen / der Pinwand am Sofa liegen unaufgeräumt zahlreiche Broschüren und Flyer, die zum Teil veraltet sind.
22. Die Informationsordner im Therapieraum sind nicht aktuell. So enthalten sie im Frühjahr 2026 Urlaubsangebote für 2024.
23. Der Speiseraum im Keller ist vergleichbar mit einem einer Jugendherberge aus den 80er Jahren mit sehr wenig Raum zwischen den Sitzplätzen an den Tischen. Der Gang zum Buffet ist entsprechend schwierig.
24. Der Speiseraum hat nur ein Schallschutzelement und ist wegen der niedrigen Deckenhöhe (Keller) sehr laut.
25. Die für die betroffenen Personen wenig geeignete Wohnumgebung wird mit der mangelnden finanziellen Ausstattung des Alzheimer Therapiezentrums begründet.
26. Am Wochenende wird das Alzheimer Therapiezentrum nicht vom ÖPNV bedient. Der Ortskern ist ca. 900 m entfernt.
27. Das Essensangebot ist wenig abwechslungsreich, bietet kaum frisches Obst oder frisches Gemüse. Die winzigen zugeteilten Portionen des Mittagessen sollen gemäß dem Küchenchef nach Empfehlung des DGE 1800 Kalorien haben. Von den tatsächlich gereichten winzigen Portionen werden viele betroffene Personen nicht satt.
28. Weder das Geschirr noch das Besteck sind angepasst auf die reduzierten motorischen Fähigkeiten von Alzheimer Patienten.
29. Das Besteck ist offen zugänglich. Schlimmstenfalls landet benutztes Besteck im Besteckkorb, aus dem die Gäste sich bedienen.
30. Die Mahlzeiten werden in 2 Schichten gereicht. Teilweise ist in der 2. Schicht nicht mehr ausreichend Obst/Gemüse/Salat verfügbar.
31. Das Küchenpersonal hat zwischen den Mahlzeiten teilweise nicht ausreichend Zeit, die Tische für die nächste Mahlzeit vorzubereiten, so dass die Gäste unterstützen müssen. Entsprechend wenig Zeit bleibt für die Mahlzeiten. Insbesondere die zweite Frühstücksschicht 8:30-9:15 h ist stressig, da um 9:15 h schon die erste Therapiestunde beginnt.
32. Am Abreisetag muss das Zimmer bis 9 h geräumt sein, während das Frühstück erst um 8:30 h startet.
33. Am Anreisetag wird automatisch das Standardessen (Fleisch) serviert.
34. Es gibt keinen Getränkeautomaten, an dem ggf. gegen Entgelt Alternativgetränke zum Mineralwasser verfügbar wären.
35. Der Kaffeeautomat darf nur zwischen 13:30 und 17 h benutzt werden. Er kann nur benutzt werden, solange der Vorrat an Kaffee und Milch reicht. Unter Umständen werden Gäste darin eingewiesen, den Kaffeeautomaten neu zu befüllen.
36. Es sind keine Kontaktdaten der Küche oder des Servicepersonals verfügbar, an die man sich im Falle des fehlenden oder falschen Essens oder bezüglich fehlender Handtücher wenden kann. Die Verwaltung erklärt sich konsequent als nicht zuständig.
37. Der Therapieplan ist sehr unübersichtlich und selbst für nicht betroffene Personen nicht einfach zu verstehen. Die Planer selbst verlieren offensichtlich leicht den Überblick und planen einen Gast oder einen Therapieraum für den gleichen Zeitraum gleich mehrfach ein bzw. der Gast erhält mehrfach die gleiche Therapiestunde, andere Gäste erhalten diese Therapie hingegen ohne erkennbaren Grund gar nicht. Eine simple Exceltabelle mit einer Kontrollfunktion am Ende jeder Zeile/Spalte könnte Abhilfe schaffen.
38. Es gibt keinerlei sportliche Aktivierung. Es gibt stattdessen leichte Bewegungseinheiten und Spaziergänge. Es gibt keinen Zugang zum Schwimmbad in der benachbarten Klinik.
39. Es ist nicht sichergestellt, dass die Therapien, jeweils 2 Einheiten am Vormittag und 2 Einheiten am Nachmittag, stattfinden. Die Therapiepläne erscheinen immer erst am Abend nach der letzten Therapieeinheit für den nächsten Tag. Auf diese Weise erfährt man auch von einem geplanten Ausfall jeglicher Therapie wegen einer Teamsitzung erst ca. 18 h vorher. Die Planung eines Alternativprogrammes für die betroffene Person gestaltet sich so schwierig.
40. Die Therapiesitzungen für die betroffene Person sind nach Aussage der zuständigen Reha-Ärztin nicht geeignet für eine Person im Anfangsstadium der Alzheimer Erkrankung. Entsprechend wenig Nutzen hat diese Person von der Therapie.
41. Erst bei der Einführungssitzung erfährt die Begleitperson, dass die Therapeuten die Therapiestunden für die Begleitpersonen nicht refinanziert bekommen. Das geht so nicht aus der zuvor zugesandten Alzheimer Info Status 3/2020 hervor. „Auch für die Angehörigen gibt es ein Therapieprogramm….Die Erwähnung einer medizinisch notwendigen Begleitperson …, damit auch diese Kosten von der Kasse des Patienten übernommen werden können.“
42. Die Therapiestunden für die Begleitpersonen ähneln sich, auch wenn die Therapeuten wechseln. „Umgang mit Ärger“, „Kommunikation und Umgang“, „Selbstfürsorge“, „Symptome der Demenz verstehen“, „Entspannung“, „Krankheitsbewältigung“. Zumeist werden die Begleitpersonen mit sich ähnelnden Fragen zum Erzählen animiert. Wie voll ist meine Schale der Liebe? Was füllt meine Schale der Liebe? Wie gehen Sie mit dem sozialen Umfeld um? Was ist wichtig im Umgang mit der betroffenen Person? Welche Einstellung zur Erkrankung kann hilfreich sein? Wofür bin ich heute dankbar? Was ist mir gelungen? Worauf freue ich mich? Was belastet mich akut? Was tut mir aktuell gut? Was kann ich noch machen, dass es mir besser geht? Wie kann ich Belastungen reduzieren? Diese werden z. T. stichwortartig dokumentiert und ggf. in der Gruppe kommentiert. Das Protokoll wird später ausgehändigt. Abgesehen vom Protokoll ähneln die Therapiesitzungen einer Selbsthilfegruppe, die man sich nicht ausgesucht hat. Die therapeutische Arbeit reduziert sich auf die dauernde Wiederholung der Erklärung „Das ist die Krankheit.“ und die Aufforderung „Sie müssen den Stress reduzieren!“. Was fehlt sind systematische Ursachenanalysen „Warum verhält sich die betroffene Person so?“/„Warum reagiere ich als pflegende(r) Angehörige(r) so?“ „Welchen Kontext haben wir, dass wir uns so verhalten?“. Diese Ursachenanalyse ist nicht individuell machbar, jedoch könnten anhand von Beispielen Werkzeuge vorgestellt werden, mit denen die Begleitperson Situationen analysieren und ggf. Abstellmassnahmen einleiten könnte. Werkzeuge könnten das Ursache-/Wirkungsdiagramm sein, die 5Why-Methode, das Kommunikationsmodell von Friedemann Schultz von Thun, eine Risikoanalyse „Vor welchen Symptomen habe ich wie stark Angst und welche Auftretenswahrscheinlichkeit haben sie?“. Meine Frage nach mehr Systematik in der Therapie wurde mit dem Kommentar „Sie sind zu technisch.“, „So jemanden wie Sie haben wir hier noch nicht gehabt.“ abgewiesen.
43. Der 31-Punkte-Leitfaden für die pflegende Person ist nur schwer zu verstehen, da nicht gleich erkennbar die Perspektive von der pflegenden zur zu pflegenden Person wechselt. Der Hinweis auf diesen Fehler wurde abgewiesen mit den Worten „Deutsch ist nicht meine Muttersprache.“
44. Die Therapie für die betroffene Person sieht vor, die Ressourcen zu erhalten, aber explizit nicht zu fördern. Die betroffene Person soll keinem Stress ausgesetzt sein. Es gibt fast keine praktischen Empfehlungen, wie alltäglicher Stress konkret vermieden werden kann. Die Begleitperson erfährt über eine spezielle Brille oder eine Malübung am Spiegel, dass z B. die Wahrnehmung von Kontrasten bei der betroffenen Personen nachlässt. Die pflegende Person wird aufgefordert, dafür Verständnis zu haben. Die Frage nach konkreten Handlungsempfehlungen (Musterwohnung Demenz, Farbcodes, spezielles Geschirr) bleibt unbeantwortet.
45. Die sozialpädagogische Therapie in der Gruppe behandelt die Themen Pflege und Schwerbehinderung. Der Themenkomplex ist sehr umfangreich und die zugestandene Zeit von 100 Minuten nicht ausreichend, so dass die Therapeutin die einzelnen Punkte kurz und schnell abarbeitet und keine Zwischenfragen zulässt. Die ausgehändigte Dokumentation besteht aus z. T. unvollständigen Textbausteinen mit unklaren handschriftlichen Kommentaren. Die Haftpflichtversicherung deliktunfähiger Erwachsener oder das Autofahren nach Prüfung in supervidierter Fahrstunde werden gar nicht thematisiert.
46. Die sozialpädagogische Einzeltherapie sieht vor, den Antrag auf Feststellung der Schwerbehinderung oder des Pflegegrades vorzubereiten. Da das in unserem Fall nicht mehr nötig war, bekam ich stattdessen nach Internetrecherche der Therapeutin Zettel mit demenzrelevanten Themen an meinem Wohnort ausgehändigt. Leider sind 80% dieser Informationen veraltet. Einen Hinweis auf JaDE bekam ich dagegen nicht.
47. Meine Einzeltherapie endete mit der Ermahnung: „Wenn Sie noch ein paar schöne Jahre mit Ihrem Mann haben wollen, dann müssen Sie sich ändern.“ Wie ich diesen Änderungsvorgang beginnen und durchführen kann, habe ich nicht erfahren.
Ich persönlich habe den Eindruck, dass die Therapie voraussetzt, dass der Alzheimerpatient kaum noch selbstständig handlungsfähig ist. Die während der Reha notwendigen Handlungen werden ohne weitere Unterstützung der Begleitperson übertragen.
Der Nutzen dieser Reha (guter Austausch mit anderen betroffenen Familien, Anregung, einen Trommel-/Malkurs oder einen Chor zu besuchen) ist für uns leider geringer als der zu leistende Aufwand: Die betroffene Person muss sich in die neue Umgebung eingewöhnen und verliert jegliche Selbstständigkeit, um sich anschließend wieder in den heimischen Alltag zurück kämpfen zu müssen. Die berufstätige begleitende Person muss ggf. für die An- und Abreise Urlaubstage nutzen, da die Reha mitten in der Woche startet und endet. Sie wird ggf. unentgeltlich für die Zeit der Reha von der Berufstätigkeit freigestellt und kann nach der Reha das deutlich reduzierte Krankengeld beantragen.
Unser Sohn … kommentierte die Stellungnahme folgendermaßen: „Wissen die überhaupt, dass es in ihrem Therapiezentrum um Alzheimer geht?“
Schön Klinik – die Stellungnahme





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