Ferienpark statt Moselradweg

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Ist es jetzt soweit? Diese Frage stelle ich mir in den vergangenen Tagen häufiger. Jetzt, da ich mein „altersgerechtes“ neues eBike mit Wave Rahmen bekomme, entfällt die geplante Radtour von Metz nach Trier entlang der Mosel. Meine Partnerin hat gebeten, nicht so zu verreisen, dass wir jede Nacht in einem neuen Hotel schlafen müssen. Meine Kinder haben dies kommen sehen.

Okay, dann fünf Nächte in einem Tinyhouse an der Midden Regge statt auf dem Moselradweg von Metz (Frankreich) nach Trier (älteste deutsche Stadt) zu radeln.


Packtag Nr. 1

260524

Pfingsten, ein Tag der gemeinsamen Sprache. Ach, wie schön das doch wäre. Nein. In meiner Realität erlebe ich, was das Aussuchen von geeigneter Kleidung angeht, eine babylonische Verwirrung. Auffällig ist, dass die Verbindung von Temperaturen zu Kleidung, nicht belastbar ist. Zum Schluss ist der gemeinsame Koffer mit angemessener und wenigen unpassenden Bekleidungsstücken gefüllt. Gut verschlossen wartet er drauf, im Kofferraum Platz zu finden.

Gepackt - Taschen und Koffer
Packtag Nr. 1 – Der Erfolg

Die Fahrradtaschen für die geplanten Touren durch die Region Twente stehen bereit.

Interessant wird es für mich, da ich ein neues eBike fahre. Dem klassischen Diamantrahmen musste ich ade sagen und sitze nun auf einem Bike mit Wave Rahmen. Dem Alter entsprechend, so der vielstimmige Sound der mir begegnete. Ein noch ungewohntes Fahren.

WAVE statt DIAMANT

Nach der Woche sollte ich mich an das neue Fahren gewöhnt haben.

Mal schauen, wann die Gazelle einen neuen Nutzern bekommt. In Kleinanzeigen.de und bei nebenan.de ist es eingestellt.


Packtag Nr. 2

260525

Nervosität oder was ist es, was meine Partnerin umtreibt? Sie sorgt sich, dass sie eine bestimmte Jeans anziehen müsse, dass Strümpfe die sie gerne trägt, nicht mitgenommen würden.
Und wie seit längerer Zeit, ist sie sich sicher, gleich starten wir „in den Urlaub“.

Vor Jahren habe ich mir angewöhnt, meine Frau, wenn ihre Kleidung ausgesucht und verpackt ist, nicht mehr mit dem Packen zu behelligen. Mit der App „PackTheBag“ stelle ich zusammen, was für diese Reise alles eingepackt werden muss. Taschen und Koffer bekommen einen Zettel und dort vermerke ich handschriftlich, was wo abgelegt wurde. Für die Rückreise verzichte ich auf die Zettel. Da reichen die Einträge in der App.

Nach einem Sturz vor drei Tagen, bin ich in meinen Bewegungen stärker eingeschränkt. Entgegen meiner Befürchtung, gelang es mir den Fahrradträger zu montieren und vor allem zu verbinden. Blinker, Beleuchtung und Warnblinker funktionieren.

Die Temperaturen waren hoch, bei uns in Monheim. Wir sind mittags 8,9 Kilometer Rad gefahren. Puh, meine Frau wollte nur noch in den Schatten und was trinken. Eis war ein geeigneter Ersatz.
Nach dem 6,6 Kilometer langen Rückweg wollte sie nur noch ins Bett. Zu früh. Für eine Stunde fand ich Programm. Doch dann war nicht mehr zu übersehen, sie muss jetzt, noch vor acht Uhr, ins Bett. Okay. Da bin ich gespannt, wann ich in der Früh geweckt werde. Wie wird das in den kommenden Tagen sein, wenn sich das Wetter nicht ändert? Tagestouren von unter 20 Kilometer? Ich werde es erleben.
Sie zum Trinken zu bewegen, wird hoffentlich nicht schwierig. Ihr Verzicht auf Trinken, verunsichert mich.

Und dennoch, ich freue mich, wenn wir morgen in Zuna unser Tinyhouse erreicht und bezogen haben.


Anreise – Angekommen

260526

Auf in den Vakantiepark Mölke bei Zuna. Doch zuvor musste der Rest in der Wohnung eingepackt, ins Auto verladen und die beiden Bikes auf dem Träger montiert werden. Meine Partnerin einzubinden gelang mir nicht. Für sie war das, was um sie herum geschah, ein Rätsel. 

Mein neues Fahrrad mit den breiten Reifen auf dem Träger abzustellen und zu befestigen, hat mich den ersten Schweiß gekostet. Alles verstaut, angefahren und voll, trotz Schmerzen, auf die Bremse gehauen. Das Bike hat sich nicht verschoben oder gar gelöst. Die Kontrolle der Gurte ergab, wir können starten. 

9:20 Uhr. Auf zum ersten Stopp. Tanken. Noch ein Halt, bevor wir die Autobahn nehmen. Beim zweiter Stopp warteten zwei Kater auf ihr Frühstück. Wie in den vergangenen drei Tagen war ich froh, als die zahlreichen Stufen hinter mir lagen und ich oben auf dem Podest angekommen war. Mein linkes Bein braucht was anderes. Nicht wirklich überraschend versuchte meine Frau mit ihrem Haustürschlüssel die Wohnungstür zu öffnen. Das hatte sie bereits in den vergangenen Tagen schon versucht. Genervt bat ich sie, die Schlüssel in ihrer Hosentasche verschwinden zu lassen. Ich der Schmalspur Tierpfleger manage eine Stunde Raubtierfütterung. Kurz vor 11 Uhr, wir starten. Auf nach Zuna.

Gut durchgekommen. Zweieinhalb Stunden früher wären wir im Vakantiepark. Meine Frau hatte Hunger. Das Zentrum von Almelo lag auf dem Weg. Wir finden einen Parkplatz im Schatten. Zweihundert Meter entfernt setzten wir uns in ein angenehm temperiertes Café-Restaurant. Brotje und Salat. Zeit für einen kleinen Verdauungsspaziergang durch die Innenstadt gab es noch reichlich.

20 Stolpersteine und eine Skulptur in Almelo. 

Angekommen in Mölke

Die Temperaturen waren einfach zu hoch. Je nach Messgeräte wurden 33 oder 35 Grad angezeigt. Im Auto stand im Display 37 Grad zu lesen. Gegen ein Eis sprach nichts.
Dass meine Frau in dieser Situation für ihre Verhältnisse recht viel und vor allem von alleine, Wasser zu sich genommen hat, freute mich. Doch die Hitze macht ihr darüber hinaus sehr zu schaffen. Keine Energie. Orientierungslos. Müde.

Nur noch zwanzig Minuten Fahrzeit bis zum Vakantiepark Mölke. 

Checkin dank der zuvor ausgefüllten digitalen Mappe, war in wenigen Minuten unproblematisch und schnell erledigt.

Nett von außen, das Domizil. Das Tinyhouse bietet den Platz, den ich erwartete. Für unseren Aufenthalt ausreichend dimensioniert. Das Thermomether im Flur bestätigt das Gefühl: 33 Grad. Die beiden abgedunkelten Schlafkammern sind deutlich kühler, was mich für die Nacht zuversichtlich stimmt. 

Das Ausräumen unserer Taschen glich dem Einpacken. Meine Partnerin konnte mit meinen Bitten, etwas ins Haus zu tragen und dort abzustellen, nichts anfangen. Sie ging mit den Taschen rein und kam mit den Taschen wieder raus. Meine Bitte, den Inhalt der Kühlbox vollständig in den Kühlschrank zu verstauen, wurde erfüllt. Nur, dass ich praktisch für jedes Lebensmittel bestätigen durfte, das es seinen Platz im Kühlschrank finden sollte. 

Völlig geschafft sitzt meine Frau im Haus. Die Fahrt und die Hitze setzen ihr zu. Ihr Sprechen, Flehen entspricht ihrer Körpersprache. Doch schon um 17 Uhr zu Bett zu gehen, ist nicht zielführend. 

Wir erkunden das Gelände des Vakantiepark, kaufen noch gekühlte Getränke und zwei Rollen Toilettenpapier. Ich gönne mir mein erstes und letztes Softeis in diesen Tagen. An unserem Gartentisch, neben der Hecke, ist es angenehm kühl. Ein leichter Wind geht. Ich bewege, besteche sie, ihren Platz aus dem Haus in den Garten zu verlegen.Zwei kleine Nussecken und gekühlte Getränke sind mein Einsatz. 

Ich schlage vor, dass wir die Räder noch für eine erste Erkundung  bewegen könnte. Sie stimmt zu. Eigentlich wollte ich auf den Helm verzichten, doch das wäre nicht gut. Also die Helme geholt, die Räder fertig gemacht und wir treten in die Pedale. 

Eine erste kleine Runde um den Vakantiepark. Etwas über 8 Kilometer kamen zusammen. Passte. 

Eine Dusche, Tabletten und danach im Garten ein Brot mit Käse, etwas Rosé und Wasser kredenzt, der perfekte Abschluss vom Tag für meine Frau. 19:40 Uhr schloss sich für sie der Tag.

Zeit für mich nachzudenken, zu planen und zur Ruhe zu kommen. Im Tagebuch Impressionen, Begebenheiten, hinterlegen um später noch einen ersten Reisebericht in den Block abzulegen. 

Meine Frage, ob ich heute die Bestätigung meiner seit Wochen gehegten Vermutung, dass meine Frau einen weiteren Schritt in Richtung Handlungsfähigkeit durchlebt, kann ich nur bejahen.  Welchen Einfluss die zu hohen Temperaturen dabei hatten, kann ich nur vermuten. 

Morgen soll das Thermometer bis 23 Grad ansteigen. Ich hoffe es sehr. Gerne würde ich mit den Rädern etwas länger unterwegs sein. 


Radtour I

260527

Wie so oft, eine schlechte erste Nacht im fremden Bett. Zu warm. Ebenso für meine Frau. Sie lag zwischenzeitlich quer im Bett. 

Gut war, dass uns niemand drängte. So sind wir erst gegen 9 Uhr aufgestanden. 

Gemeinsam in der Dusche stehen zu können, erleichtert spürbar und entkrampft die Situation. Schade, dass wir dies weder jetzt noch in Zukunft zu Hause haben werden. Sonnencreme Faktor 50 auftragen. Bufftuch raus legen. 

Und dann, frühstücken wie zu Hause. Im Reisegepäck befand sich ihre Müslimischung, der Joghurt stand im Kühlschrank so wie die  Milch. Wie zu Hause, eigentlich untypisch für Reisende. 

Angekommen um zu entdecken

Wasser in die beiden Wasserflaschen füllen. Studentenfutter einpacken, die Taschen für die Radtour kontrollieren. Auf gehts. Zwischen 50 und 60 Kilometer lang, soll diese Radtour unter der Sonne sein. 

Entspannt rollen wir aus dem Gelände raus. Für mein Rad, die bislang längste Tour. Auf die Arbeit mit dem Motor und dem kleineren Akku bin ich doch gespannt. 

Nach einem Kilometer die Erkenntnis, der Wind ist doch stärker. Kurze Rückfrage. Ja, wir brauchen unsere Windjacken. Dann zurück zur Ferienwohnung. 

Das Wetter war super für eine Radtour. Sonne und Wind. Komoot hat die Tour zusammengefasst.

Screenshot

58,6 Kilometer der Radtour sind aufgezeichnet. Die Teilstrecke von 5,45 Kilometer ohne Motornutzung wurde nicht aufgezeichnet. Schade. Sie, meine Partnerin, ist die 64 Kilometer sehr gut geradelt. Sie war danach geschafft. Ihre Schulter und der Rücken schmerzten vom langen Sitzen auf dem Rad. Eine mir sehr bekannte Rückmeldung nach langen Fahrten. 2025 sind wir noch mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 18,5 – 19 km/h unterwegs gewesen. Wir lassen es ruhiger angehen, um nicht zu sagen, wir werden langsamer.

Während der Tour hatten wir das ein und andere Missverständnis. In Goor, beim vom Hundertwasser inspirierten Industriebau,

Goor

blockierte meine Partnerin ganz und fuhr nicht weiter. Ich würde sie immer anmeckern, bekam ich zuhören.
Mag sein, dass ich Phasen des genervt sein hatte. Unsere Kommunikation wird immer mehr von meinem Interpretieren geprägt. Ihr fehlen die Worte oder das Verständnis. Verstehen im Sinne von, das Gehörte begreifen und umsetzen. Wenn ich am Wegesrand mit dem Rad stehen bleibe und sie bitte stehen zu bleiben, dann stoppt sie in der Mitte des Weges. Ich bitte sie, stell dich bitte mit an den Rand. Das ist dann Gemecker. 

Genervt und überfordert

Sie will das Haus fotografieren. Irgendwie klappt es nicht. Sie kommt zu mir und bittet mich ihr zu helfen. Kriegen wir hin. Ich stehe versetzt neben ihr, schaue auf das, was sie tut. Ich: Du hast ein Video gemacht. Sie: Wieso? Ich: Du hast lange auf den weißen Punkt (Auslöser beim iPhone) gedrückt. Mach’s noch einmal. Nur einmal drücken. Das reicht. Sie wiederholt das Fotografieren. Ich: Du hast ein Video gemacht. Nochmal. Sie ist genervt und drückt erneut auf den Auslöser. 

Später, wenn sie sich die Bilder anschaut, ist sie von den Videos genervt. Ich soll sie löschen.

Mein Punkt nach der Verweigerung war, dass ich ihr vier Bällchen Eis in Goor spendierte. Vor dem Eisladen zu sitzen und das leckere kühle Eis zu schlecken, hat unser beider Laune gehoben. 

Trinkpause

Eine Stunde zuvor hatte sie mir gesagt: Ich habe Hunger. Sehr verständlich. Was mir überhaupt nicht klar war war, dass es entlang der vielen Radwege Hofcafés, Restaurants oder Pauze-Stationen existieren. Kurz nach dem sie ihre ihr Bedürfnis aussprach, las ich das Hinweisschild „Landgoed Het Rheins“. Wenige hundert Meter später, ein Gehöft, große Biergärten mit Infrastruktur, Wasser und Minigolf und mehr. Die Fahrräder abgestellt und uns in einem der Biergärten einen Platz gesucht. 

Lunch im Landgoed Het Rheins

War Essen war ausreichend und schmackhaft. 

Wind begleitete uns während der gesamten Tour. Für mich sehr angenehm. Entlang der Regge zu radeln, war sehr schön. Viele Kilometer sind wir abseits vom Straßenverkehr durch die Wiesen und die Feuchtgebiete der Regge geradelt. Entspannend. So viel Ruhe und Natur hatte ich nicht erwartet. An vielen Stellen trug der Wind den Duft von Heu und frisch gemähtem Gras zu uns. Zwei Storchennester mit Jungen und zahlreiche Störche sahen wir. 

Tags zuvor hat mich eine Mail einer befreundeten Dozentin mit einem Link zu einer Online Befragung zum Thema „Erinnerungskultur“ erreicht. Wie passend. Reist du aufmerksam durch die Niederlande, dann sind sie unübersehbar im öffentlichen Raum, Erinnerungsorte. Gestern die Stolpersteine in Almelo, heute das Gedenken an verratene und in Auschwitz sowie Sobibor ermordete Nachbarn. So wie schon bei unserer letzten Maastour, gab es auch einen Gedenkort für einen abgestürzten Bomber der Alliierten. 

Mich begeistert es, hier zu radeln. Abwechslungsreiche Radwege.

Dass, was hier selbstverständlich ist, kommt mir wie ein Traum vor. Warum ist das bei uns undenkbar?

Jetzt Mölke

Wieder im Tinyhouse angekommen, die Akkus ausgebaut und frisch gemacht. Einkaufen, das stand noch auf der ToDoListe. 

Ich weiß gar nicht, ob ich richtig formulieren kann, was sich mehr und mehr auflöst. Wir machen uns frisch. Der Satz produziert ein?. Geh bitte ins Bad. Geradeaus. Die Tür steht offen. Sie greift die linke Türklinke und will in das Schlafzimmer. Nein, ins Bad sage ich. Sie verharrt. Ich gehe zu ihr. Du musst das T-Shirt ausziehen. Jetzt bitte das Unterhemd. Sie: Aber das habe ich doch heute erst angezogen. Ich: Es ist durchgeschwitzt und wir wollen uns ja waschen. Und so arbeite ich mich Kleidungsstück für Kleidungsstück vor, bis geduscht werden kann. 

Frische Kleidung liegt bereit. Da fehlen noch die Strümpfe. Das Thema, was heute früh den ersten genervten Ausbruch meinerseits auslöste. Auf dem Sofa lagen nur die kurzen Strümpfe, die sie heute früh mit dem Hinweis, da sei ein Loch im rechten Socken, verweigerte. Jetzt nimmt sie einfach die Socken, zieht sie an und fragt, welche Schuhe. Passt. 

Albert Heijn, unser Ziel. Ich hatte zuvor eine Einkaufsliste erstellt. Echt nicht leicht, gemeinsam einzukaufen. „Bonus Woche“ bei Albert Heijn. Sie hat es gelesen und so ausgelegt, dass sie irgendeinen Artikel der Bonus Woche in den Einkaufswagen legen wollte. Selbst nach Dingen, die sie weder essen noch trinken würde, griff sie. Meine Frage danach, ob sie gerne ein Brötchen zum Abendbrot essen wolle, wurde mit Ja beantwortet. Zwei Brötchen möchte ich haben. Okay, dann nehme ich drei mit. Dabei weiß ich, dass sie nie zwei Brötchen isst. Ich wollte heute Abend mit ihr essen. Ich dachte, das Einpacken aller Dinge in die Kühlbox, die wir aus der Kühlung bei AH genommen hatten, wäre möglich. Getäuscht. Das war nicht drin.

Im Ferienhaus angekommen, war ihre Müdigkeit nicht mehr zu ignorieren. Entgegen meines Plans, auf das Essen nach 17:30 Uhr zu verzichten, habe ich den Tisch für uns beide schön gedeckt und wir haben gemeinsam gegessen. Schön war es.

Um zu verhindern, dass sie aufsteht und sich ins Bett verzieht, habe ich den Fernseher zur Hilfe genötigt. 3SAT Kulturzeit, Tagesschau und im Anschluss eine Sendung über die Bücherverbannung aus den Schulbibliotheken in den USA. Horror, welcher Hass, welche Ignoranz, Angst vor Vielfalt und politisches Kalkül hier dominieren. Die haben wir nicht zu Ende geschaut. Wie furchtbar. Meine Frau war jahrelang in einer Buchhandlung tätigt und hat tausende Seiten der unterschiedlichsten Autor:innen gelesen. Sie merkt, da läuft was schief, in Amerika.

Die Bilder unserer Radtour schauen wir uns morgen gemeinsam an. 


Radtour II

260528

Meine Nachtruhe begann und ich brach meine Aufzeichnungen im Bog ab. Meine Augenlider schlossen sich. Meine innere Uhr signalisierte: Stopp. Nach anfänglichen Widerständen bin ich ihrer Aufforderung gefolgt. 

Wie zu erwarten, wollte meine Frau viel zu früh aufstehen. Mein Widerstand war nach einer halben Stunde nicht mehr aufrecht zu halten. Gefreut hat mich, dass mir eine geduschte Partnerin auf der Suche nach ihrer Kleidung entgegen trat. Prima. Wie war das möglich? 

Frühstücken vor acht Uhr. Ich bin auf den Tag nach der langen Radtour von gestern sehr gespannt. Die Entscheidung für die Tour ist mir leicht gefallen. Eine Fahrradtour in den Norden von Rijssen mit geplanten 33 Kilometer.

Weiden, Wiesen, Moore

Lange Strecken unseres Radweges fahren wir alleine.  Niemand begegnet uns. Links oder rechts liegen Weiden voller Mutterkühe mit ihren Kälbern, trockene Ackerflächen, Wiesen voller Heu oder frisch gemähter Wiese.

Mutterkühe mit ihren Kälbern auf Weide an der Regge
Mutterkuchen und ihre Kälber an der Regge

Die schmalen Radwege führen nicht selten entlang der sandigen Pisten. Dieser feinkörnige Sand würde Strandbesuchern gefallen. Radfahrenden eher nicht. Doch hier liegen fast nahtlos aneinander verlegte Betonplatten. Sehr komfortabel. Ein wenig erinnert es mich hier an das sandige Brandenburg, nur kompakter.

Durch gemähtes Gras stolzieret ein Storch
Storch auf Nahrungssuche

Störche spazieren auf Wiesen, lassen sich von Traktoren die Heu wenden, nicht auf der Suche nach einer Mahlzeit für ihren  Nachwuchs stören.

Moorfläche
Ehemaliges Moorgebiet

An ehemalige Moore fahren wir entlang. Torf wurde früher in großem Stil gestochen und verkauft. An einigen Flächen waren Renaturierungsmaßnahmen zu erkennen. Wässern von Mooren ist aktiver Klimaschutz, erfuhren wir im vergangenen Jahr als wir das Teufelsmoor bei Worpswede durchwanderten.
Ich erinnere mich, dass wir bei unserer Anreise am Dienstag in einigen Orten Loren stehen sahen. Relikte der Vergangenheit.

Ein RUST Open im Radwegenetz
RUST Open

Schon gestern ist uns das kleine Schild am Straßenrand aufgefallen. Diesmal halten wir. Selbstbedienung, schattige Plätze, sogar eine Toilette steht zur freien Verfügung. Alles sehr gepflegt. Ein kleiner Becher Eis und einen Keks für jeden von uns. Wir machen Platz und da kommen schon die nächsten Radfahrer:innen, die hier pausieren werden. Ein kleiner Smalltalk in englisch, deutsch und eingestreuten niederländischen Vokabeln. 

Screenshot Komoot - Tour Overijssel - Reggedal - Wierdense Veld
Komoot Aufzeichnung

Kilometer 30. Meine Partnerin ist fertig. Ausgelaugt. Sie kann nicht mehr. Okay, dann eine Pause auf einer Bank am Ortsausgang von Nijverdal, gegenüber eines größeren Teiches. Leider hatte ich beim Packen die Äpfel im Kühlschrank liegen gelassen. Mist. Die Reste des Studentenfutters und reichlich Wasser müssen helfen, die letzten sechs Kilometer zu bewältigen. 

Eine halbe Stunde später, laufen unsere Räder entlang der Regge zum Vakantiepark. Dass dieser Fluss vom 19. bis ins 20. Jahrhundert ein viel befahrener Fluss war, auf dem Lastschiffe Torf, Düngemittel und andere Güter transportierten, ist nur schwer vorstellbar. 

Entspannung danach

Im Ferienhaus führt der Weg meiner Frau zum Sofa. 

Sie schläft für fünfundvierzig Minuten. Ich wirbele an der Küchenzeile. Sie wird nicht wach. 

Premiere für mich. Mein erstes Kochen auf dem Gasherd im Ferienhaus. Pasta mit Pak Choi in gesalzener Butter, Tomatenhälften, gelöscht mit einem Schuss alkoholfreiem Leffe, wenig Sahne und Nudelwasser. Parmesanspäne (Reibe gibt es hier nicht) in die Soße, auf niedrigster Temperatur köcheln lassen, die Pasta unterziehen und mit gehobelten Parmesanspäne servieren. Mir fehlten die frischen Kräuter, der Pfeffer. Lecker schmeckt es, wurde mir gesagt. So darf es sein. 

Pause nach dem Essen. Zeit zum Malen, lesen. Warm wie es ist, zieht es mich nach draußen. Die rhetorische Frage: Soll ich nach einem Café suchen? Eiscafé, wird mir gesagt. Apple Karten befragt. In drei Kilometer gibt es einen uns schon bekannten Eisladen, Van der Poel Ijsmakers. Gestern testeten wir in einer anderen Filiale sein Eis. 

Screenshot Komoot - Tour rund um Rijssen
Komoot Aufzeichnung – als Wanderer geplant –

Auf den drei Kilometern kommen uns sehr viele Jugendliche auf ihren Rädern entgegen. Unterrichtsschluss? Häufig zu zweit oder zu dritt nebeneinander fahrend und im Gespräch. Auffallend, so gut wie niemand hat ein Mobiltelefon in der Hand. 

Eis essen in der Filiale Rijssen. Echt Lecker. Eine kleine Runde drehen wir zu Fuß noch in Rijssen.

Skulptur Hand mit Victory
Kunstwerk, gestiftet vom ehemaligen Bürgermeister

Auf einer kleinen Grünfläche in der Ortsmitte steht ein Baum, von einer niedrigen Metallabgrenzung umfasst. Dort ist zu lesen, dass 1898 dieser Baum zu Ehren der Königin Wilhelmina gepflanzt wurde. In diesem Jahr wurde Wilhelmina volljährig und übernahm die Regentschaft.

1898 gepflanzter Wilhelmina Baum
Baum der Wilhelmina

In einiger Entfernung wächst seit 2007 der Baum vom jetzigen König, Willem-Alexander.

Hingucken kann helfen

Lass uns Fahrrad fahren, meint meine Frau nach dem Rundgang. Und sie meint nicht den direkten Weg nach Mölke. Okay, dann eine andere Route zurück? Sie ist einverstanden und aus den 6 Kilometern werden 13,1. Zu ungenau erwies sich meine spontane Planung.

Eingang zum Wanderweg N12, nicht mit Fahrrädern nutzbar
Wanderweg, der nicht mit dem Rad befahrbar ist

Ich steh davor und bin in dem Moment fassungslos, was Komoot für Wege uns vorschlägt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht klar, dass Komoot für eine Wanderung und nicht für ein Fahrrad die Route erstellte. Fehler meinerseits. Hätte ich sehen können. Meiner Frau ist es nicht aufgefallen. Sie folgt meinen Ansagen: Wir müssen hier wenden.

Entspannt bleiben

Insgesamt war der Tag heute entspannter als gestern. Ausgeglichen ist vielleicht die passende Beschreibung. Kein genervt sein, keine Spitzen und kein sich verweigerndes  Schweigen. 

Das Streaming mit VPN über Frankfurt endete nach 44 Minuten. Den Grund für die Blockade fand ich nicht. Für meine Frau war der Tag sowieso zu Ende. Sie strebte nur noch dem Bett zu. 21:20 Uhr, Zeit für „Gute Nacht“.

Mit meinem neuen Rad bin ich zufrieden. Der kleine Motor und der kleine Akku stellen mich vor kein Problem. Ich habe entdeckt, dass die Einstellung „Automatisch“ für den Motor, sparsameren Verbrauch generiert. Offensichtlich lernt der Motor mich kennen und optimiert den Einsatz von Energie. Selbst nach über 60 Kilometer, standen noch deutlich über 60 % Akku zur Verfügung. Und heute sind es nach 50 Kilometer über 70 %.

Morgen wird es spannend. Die ausgesuchte Radtour von knapp 40 Kilometern entfällt. Unwetterwarnung des DWD. Niederländische meteorologische Webseiten sind sich einig, es wird Regen geben.


Radtour III

Mir fehlt die Idee, wie ich meine Partnerin dazu bringe, dass sie nicht deutlich vor sieben Uhr aufwacht und mich weckt. So sitzen wir kurz nach sieben Uhr und frühstücken. Früher wäre das für mich normal gewesen. Früher. Egal, jetzt ist und wird es anders. Sie kann an ihrer Situation nichts ändern. Für sie ist ein Gegenüber, ein Miteinander so wichtig. Vermutlich würde sie es so nicht zum Ausdruck bringen können. 

Mir fällt es schwer, den Tag zu planen. Unterschiedliche Szenarien hinsichtlich des zu erwartenden Regens, bzw. Unwetters machen es nicht leicht. 

Et kütt wie et kütt

Letztlich entscheide ich mich erst einmal für das Offen lassen und abwarten.  Keine schlechte Idee, wie es sich um 8:20 Uhr zeigte. Erschöpft, traurig, fassungslos ist sie nach ihrer Unpässlichkeit. Ich assistiere, versorge sie mit ihrem Medikament und das sie sich aufs Sofa legt. Abwarten, wie es sich mit ihr heute entwickelt. Sie schläft erst einmal. Gut so. Danach ist es in der Regel anders. Das Erlebte ist nicht mehr dominant. Zeit für mich, den Blog mit den Texten und Bildern von gestern zu füllen. 

So plätschert der Vormittag vor uns hin. Kein Druck und das ist gut. Ich hatte für mich entschieden, dass wir heute am Freitag, zum letzten Mal kochen. Morgen, wenn das Wetter so wie die Prognose wird, werden wir unterwegs sein und uns irgendwo verpflegen. 

Mühle finden

In Rijssen gibt es die Pelmolen, direkt an der Regge gelegen. Diese Mühle gehört einer Stiftung und ist Museum und Produktionsort für Leinsamenöl zugleich. Mit den Rädern sind wir schnell dort angekommen. Ein sehr freundlicher Herr spricht uns an. Er hatte gehört, dass wir in deutsch sprachen und nahm Rücksicht auf unsere fehlenden Niederländisch-Kenntnisse. Coni war fasziniert von dem Mann. Später, wieder im Tinyhouse meinte sie: „Ich würde den gerne wiedersehen, den netten Mann.“ Selten, dass sie so etwas äußert. 

Pelmolen, die Mühle von Rijssen an der Regge
Pelmolen, die Mühle von Rijssen an der Regge

Wir haben keine Besichtigungstour gemacht. Ein Paar mit Kind kam aus der Mühle, ging zum kleinen Hafen und stieg in ein Flüsterboot ein. Mit Booten oder Kanus kann man bis zur Mühle fahren. Der kleine Hafen existiert schon lange und erinnert an die Zeit, wo Plattbodenschiffe die Rohstoffe und Waren transportierten. Diese Schiffe gibt es noch heute. Im Sommer, so erfahren wir, kann man an Öffnungstagen mit den Segelbooten mitfahren. 

Wir starten an der Mühle zu der Zeit, wo viele Schüler:innen ihre Schule verlassen um ins Wochenende zu starten. Durch Rijssen und entlang der Regge begleiten uns die kleinen Gruppen an Jugendlichen. Diesmal ist es etwas anders. Sie sind älter als die Jugendlichen, den wir gestern begegneten. Heute sind Kippen und Mobiltelefone deutlich präsenter.
Für den Weg zurück zum Vakantiepark habe ich eine Schleife eingeplant. Das letzte Teilstück sollte wieder entlang der Regge liegen. Mittlerweile kenne ich den Einstiegsort in diesen Abschnitt des Radwegenetzes. 

Ob wir es noch schaffen, ein Flüsterboot zu chartern? Wird eng werden. Doch kann ich mir gut vorstellen, diese Region erneut zu besuchen. 

Screenshot Komoot - Mühlentour Pelmolen, Rijssen
Komoot Aufzeichnung

Ein schöner Kurztripp, finden wir beide. 

Zeit für das Mittagessen: Pasta kochen, „Mutti“ gehackte Tomaten mit frischen Tomaten ergänzt, erhitzen und langsam köcheln  lassen. Feta in Würfel geschnitten zur Tomatensoße geben, salzen und die fertige Pasta unterheben. In der Schale je einen halben Buretta legen und die heiße Paste mit der Soße darüber geben. Kein sehr kreatives Essen, Resteessen. Auch jetzt fehlen mir die Kräuter und etwas Gemüse, zum Beispiel die Staudensellerie. Es ist lecker. Coni findet, daran sei nichts auszusetzen. Was will ich mehr?

Pausenzeit. Coni malt und ich informiere mich nach dem ich die Akkus der Räder entnommen und an die Ladegeräte gelegt habe über das Weltgeschehen. Coni Gazelle verpasse ich noch einen Regenschutz mit Gaffatape und einer kleinen Plastiktüte. Die Kontakte liegen jetzt frei. Die Kontakte müssen nicht unbedingt mit einer unbekannte Menge an Wasser in Berührung kommen. Coni sitzt und malt. Sie bekommt nichts davon mit.

Nach 16 Uhr besuchen wir das Restaurant hier auf dem Platz. Gerne würde ich eine „Appeltaart met slagroom“ essen. Die gehört für mich zu „Holland“. Zuversichtlich nahmen wir auf der Terrasse mit Blick auf die Regge Platz. Es begann zu tröpfeln. Unser Umzug in den Innenbereich, hätte nicht sein müssen. Ein Platz unter den Schirmen hätte gereicht. Naja. Immerhin ein gut klimatisierter Raum. Nichts von der Schwüle, die immer mächtiger wird. Das junge Team im Restaurant hatte viele Themen, die es zu besprechen gab. Folgerichtig, der Cappuccino war zu kalt, der Cheesecake met appel zu trocken, weil vermutlich länger als ein Tag alt. Coni hatte nichts an dem auszusetzen, was sie trank und aß. 

Gewitter

Heute oder morgen Abend einkaufen, ging mir durch den Kopf? Das macht keinen Unterschied. Dann jetzt zu Albert Heijn. VLA, Joghurt, Milch, Nüsse, Saft, Brötchen, Spülmittel, Frischhaltefolie und Crash Eis. Während wir durch den Supermarkt kurvten, zogen draußen die Wolken sich bedenklich zusammen, änderten ihre Farbe und erhöhten damit die Kontraste. Fotografieren wäre jetzt keine schlechte Idee. Zurück wurde das Auto erstmal nass. Vor unserem Haus, regnete es schon ein wenig mehr. Meine Frau wollte nicht aussteigen und die vielleicht 8 Meter zum Haus gehen. Es regnet, blitzte und donnerte. Ich habe die Haustür geöffnet, Kühlbox und Tasche abgestellt und bin zu ihr zurück. Sie hat sich überzeugen lassen, dass es im Haus angenehmer sei. Oh Wunder, niemand wurde auf den Weg zum Haus durch herabfallende Wassertropfen verletzt. Ja, ja, ich kenne das Gedicht von Bertold Brecht:

Der, den ich liebe hat mir gesagt, dass er mich braucht.

Darum gebe ich auf mich acht, sehe auf meinen Weg 

Dann ist es soweit: Gewitter, Hagel und starker Regen.

und fürchte mich vor jedem Regentropfen, dass er mich erschlagen könnte.

(Ich schließe nicht aus, dass der Text ohne eine Genehmigung durch die Rechteinhaber nicht hier stehen dürfte. Selbstverständlich bin ich bereit, den Text wieder zu entfernen. Doch das wäre schade.)

Den gesamten Tag über hat meine Partnerin versucht, sich zu orientieren. Gelungen ist es ihr nicht. Ihre Fragen beantwortete ich mit viel Ruhe. Wo sind wir hier? Wann kommen wir denn zu Hause an? Wo schlafen wir denn? Welcher Tag ist heute? Wie lange sind wir denn hier?… 

Die Tür zur Terrasse habe ich geöffnet. Der richtige Ort, um trocken das kräftige Gewitter mit seinen Hagelkörnern und fetten Tropfen zu genießen. Der Regen prasselt mächtig. Blitze und Donner wechseln sich ab. Die kräftige Brise drückt die abgestandenen Hitze des Nachmittags aus der Ferienwohnung. Fotografieren macht Spaß.

Blick von der Terrasse auf das Geschehen beim Gewitter
Gewitter – vieles verschwimmt

Es blitzt, kracht, donnert und der Wind wird zwischen Fahrzeugen, Zelten, Wohnwagen oder Ferienhäusern hindurch gedrückt. Ein faszinierendes Schauspiel. „Die Kinder haben jetzt sicher Angst. Gut, dass sie eine Mama haben.“, sagt meine Frau. 

Ich: Das kann sein. Du bist auch eine Mama.

Sie lächelt mich an und sagt mit diesem Lächeln im Gesicht aus voller Überzeugung: Ja.
Diese „Ja“ hört sich wunderbar an. Schließlich ist es nicht mehr selbstverständlich, dass ihr das präsent ist.

Der Regen hört auf, beginnt wieder, hört auf. Es dauert nicht lange und die Leute kommen raus. Ich stehe draußen, die X100 in der Hand. Herrliche Luft. Tief einatmen. Ich mag den Duft nach einem kräftigen Regen. Wie toll es doch ist, wenn der Regen die drückende Hitze der Zeit zuvor weggepustet. Kühl. Frisch. Genau so ist es richtig. 

Mölke. Nach dem Regen - Blick nach rechts aus unserem Tinyhouse
Nach dem Regen

Heute Abend klappt es mit dem Streaming. Die WLAN Verbindung ist so stark, dass wir 2 Stunden vor dem Fernseher sitzen. Die Kombi aus iPad und dem recht neuen Samsung 7 passt gut zusammen. 

Der Tag geht ruhig zu Ende. Es freut mich, dass wir heute frei von Missverständnissen, Spitzen und ähnlichem einen abwechslungsreichen Tag gestaltet haben. Dass ich noch immer keinen Appelgebak mit Slagroom bekommen habe, irritiert mich. Das gehört doch zu Holland, oder nicht mehr? Morgen ist auch noch ein Tag. Ein Spruch meiner Kindheit. 

Radtour IV

Wunderbar, diese Nacht. Das Duschen ging zügig voran. 

Das Frühstück stand bald auf dem Tisch. So wie es sein sollte.

Irritierend

Eine kleine Irritation gab es dann doch schon für mich. 
Die Medikamenteneinnahme. Ich hatte ihre fünf Tabletten auf einen Löffel abgelegt. Sie nahm eine Tablette. Nichts geschah. Sie legte wortlos die Tablette zurück. 
Ich nahm eine Tablette und gab sie ihr in die Hand. Nimm sie bitte und steck sie in den Mund. Das gefüllte Wasserglas gab ich ihr mit den Worten: Hier ist das Wasser und du spülst sie damit runter. Das tat sie. Jedes ihrer fünf Medikamente gab ich ihr so. 
Wieso diese Blockade? Was sie auslöste? Keine Ahnung. 

Delden entdecken

Wir haben nach dem Frühstücken noch mehr als eine Stunde Zeit bis wir mit den Fahrrädern nach Delden cruisen. Coni malt. Ich schreibe das Tagebuch von gestern zu Ende, gehe raus und checke, ob die Abdeckung an Conis Rad dem Regen standgehalten hat. Sieht alles gut aus. Jetzt ist Zeit für den Blog. Danach die Akkus wieder einbauen und kurz testen. Perfekt.

Fahrradweg durch eine Allee
Radweg nach Delden

In der vergangenen Nacht wurden doch zahlreiche Äste Zweige durch das Unwetter abgerissen. Immer wieder kam es vor, dass wir sie  auf den Radwegen überfahren mussten. Einige wenige umfuhren wir lieber.

Delden soll schön sein. Es wurde uns empfohlen. 

Das Schloss Twickel 

lässt sich nicht besuchen, doch die Gärten sind frei zugänglich. Leider ist innerhalb der Gärten das Rad fahren nicht erwünscht. Somit fiel ein längerer Spaziergang durch den Garten aus.

In nahezu jedem Ort, den wir durchfuhren, gab es Erinnerungsorte, die von Skulpturen und Gedenktafeln geprägt werden. 

Diese stand dort, wo wir unsere Fahrräder abstellten.

Skulptur - eine große Person trägt die Leiche eines Kindes;  von RIEMKO HOLTROP „DER SCHREI
ZUM GEDENKEN AN DIE KRIEGSOPFER VON DELDEN
1940–1945
RIEMKO HOLTROP „DER SCHREI

Delden hat zudem einen Flyer „STOLPERSTEINE Delden – Wandelroute langs Joodse gedenkplaatsen“ aufgelegt. Ich habe ihn in Restaurant Sevenster liegen gesehen. Übrigens, dass Eis im Sevenster Delden ist sehr zu empfehlen. Ebenso derAppelgebak met slagroom. Jetzt habe ich ihn gegessen.
Dass die Kunstaktion von Gunter Demnig eine solche Verbreitung haben könnte, war ihm nicht klar. Ich habe vor Jahren in meiner Heimatstadt die Anne Frank Ausstellung geholt und in diesem Zusammenhang den Kontakt zu Gunter Demnig hergestellt. Nun liegen bei uns in Monheim am Rhein fast achtzig Stolpersteine. 

Meine Fähigkeit zu gehen, ist eingeschränkt. Laufe ich etwas länger, dann schmerzt mein linkes Schienbein. Eine Mischung aus Schmerz, Muskelkater und dem Gefühl mir würde fortwährend gegen das Schienbein getreten. Der Knöchel und der Spann steigen ein. Unsere Erkundung zu Fuß fiel deshalb sehr kurz aus. Mit ganz kleinen Schritten komme ich am Besten klar. Mit Conis Schritt kann ich nicht mithalten. Gehen wir Hand in Hand, so kommt es mir vor, als zöge sie an mir. 

Ferienwohnung

In Delden fragte sie mich, wohin wir eigentlich fahren würden. Ich: In unsere Ferienwohnung. Sie: Ferienwohnung? Ich: Ja, da wo wir in den vergangenen Tagen gelebt und geschlafen haben. Sie: Du hast eine Ferienwohnung? Ich: Nein. Sie: Du hast eine Ferienwohnung! Ich: Nein. Wir haben für ein paar Tage dieses kleine Haus, was ich Ferienwohnung nenne, gemietet. Sie: Ach so. Ich dachte, du hättest eine Ferienwohnung.

Radfahren in den Niederlanden

Screenshot Komoot - Route von Mölke nach Delden
Zusammenfassung der Anreise von Komoot

Es ist so entspannt hier mit den Rädern zu fahren. Häufig, wenn größere Straßen gekreuzt werden müssen, sind Tunnel angelegt oder aber die Schaltungen der Ampel erleichtern die Kreuzungen zu überqueren. Mit meiner Partnerin zusammen zu fahren, ist hier  deutlich entspannter. Die gut ausgebauten Radwege, ermöglichen entspanntes Fahren. Das mag seltsam klingen, doch hier wird viel mehr Rücksicht aufeinander genommen. Möglicherweise liegt es daran, dass Autofahrende selbst Radfahrende sind. Niemand möchte genötigt oder in Grenzsituationen gedrängt werden, die in einem Unfall enden. Zudem ist der Erwerb eines Führerscheines mit einer besonderen Schulung im Umgang mit Radfahrenden im Straßenverkehr gekoppelt.

Mühle von Delden die besichtigt werden kann

Die Mühle von Delden drehte sich. Wir hätten sie besuchen können, doch haben es bei Fotos belassen. Vor uns lagen noch fast 20 Kilometer.

Letzte Tour nach Mölke

Auf der Rückfahrt nach Mölke war es ähnlich wie bei den Touren zuvor. Es gibt den Punkt, wo scheinbar von jetzt auf gleich die Energie weg ist. Heute hatte ich meinen Timer von 60 Minuten auf 30 Minuten umgestellt. Jede halbe Stunde gab es eine Pause, etwas zu trinken und einen kleinen Snack. Meine Partnerin  bevorzugte die Müsliriegel, ich das Studentenfutter. In Enter war der Punkt erreicht. Es tat gut, dass sie auf meine Frage, ob wir noch bleiben oder fahren sollten, sich für ein Bleiben entschied. Diese zwanzig Minuten im Schatten sitzend, haben uns beide gut getan. Danach lief das Rad ohne nach Luft schnappen bis in den Vakantiepark. 

Meine Frau war froh, dass sie nach den zusammengerechnete 45 Kilometer vom Rad absteigen konnte. Nicht, dass sie das Rad fahren doof fand. Es reichte einfach für heute. Seit dem frühen Mittag war die Temperatur fortwährend gestiegen. In der Sonne, bei über 30 Grad zu radeln, ist Kräfte zehrend. Die Fietspads in den Alleen oder in den kurzen Waldstücken, eine Wohltat. Vom kühlen Wind in diesen Passagen, konnte ich nicht genug bekommen. 

Screenshot Komoot Delden nach Mölke
Rückfahrt in der Zusammenfassung von Komoot

Ich habe die Zeit nach dem Ankommen genutzt, auszuprobieren, wie die Räder zukünftig auf dem Fahrradträger stehen sollen. Die breiten Reifen und die Länge meines neuen Rades, fordern eine neue Anordnung. 

Sie stehen drauf. Besser als auf der Anreise. Die Felgen beider Räder sind mit je 2 Spanngurten fixiert. Ein Spanngurt um die Sattelrohre und eins um die eingelassenen Akkus. Die Kette ist ebenfalls im Einsatz. 

Doch es bleibt die Frage, ob es nicht besser wäre, breitere Schienen einzubauen. Das Thema werde ich in Angriff nehmen, wenn ich zu Hause bin. 

Für mich stand fest: Ich koche heute nichts mehr. Mit dem Vorsatz bin ich zum Restaurant Mölke gegangen. Doch weder auf der Terrasse, noch im Innern hatten sie einen Zeitslot für uns zur Verfügung. Blöd gelaufen. Die Räder wieder abzunehmen und nach Rijssen zu fahren, wollte ich meiner Partnerin nicht zumuten. Ein Blick in den Kühlschrank: Nudelrest mit Tomatensoße, Gouda mit Trüfel, Parmesan, Schmand, Dill-Soße und auf der Anrichte Tomaten. 

Dann mal los. Tomaten klein schneiden, Käsewürfel herstellen, kalte Tomaten mit Dill-Soße und einem Löffel Schmand verrühren, Tomaten und Käsewürfel dazu, Parmesan schneiden und unterheben. Ein Brötchen aufschneiden, in der Pfanne anrösten. Für meine Frau den Rosé, für mich das letzte alkoholfreie Leffe.

Geht auch.

Fast unterbrechungsfrei konnten wir im Anschluss „Portugal, mon amour“ streamen. Nett. 

21 Uhr Zähne putzen und zu Bett gehen. Meine Partnerin hatte endlich die Erlaubnis schlafen zu gehen. Vor dem Film ist sie mir fast eingeschlafen. Da half nur noch ein kleiner Spaziergang über das Gelände, Altglas und Papier entsorgen und in einem größeren Bogen wieder zurück zum Haus. 

Leider konnte ich für morgen früh kein Flüsterboot mehr mieten. Sie werden elektronisch angetrieben. Nichts vor Montag zu machen. Schade. 

Spät abends erreichte mich noch eine Mail „Informationen vor Ihrer Abreise“ vom Vakantiepark. Ein sehr guter Service. Vier selbstverständliche Punkte sind morgen früh zu erledigen: Kühlschrank leeren, Müll entsorgen, Bettwäsche abziehen und das Geschirr spülen.


Abreise – Ankommen

Warum auch immer bin ich nicht ausgeschlafen viel zu früh in den Tag gestartet. Diesmal war es nicht meine Frau, die mich früh weckte.
Die Situation ist mir sehr vertraut. Ich kenne sie aus den beruflichen Zeiten nur zu gut. Häufig bin ich mit Gruppen verreist . In der Nach vor dem An- und Abreisetag war ich nie ausgeschlafen. Viel zu früh wurde ich immer wach. Auch fünf Jahre nach Dienstschluss, hat sich das nicht geändert. Langzeitfolgen eines exzessiven Berufslebens? Berufskrankheit?

Duschen, dann frühstücken. Wunderbar. Alles greift harmonisch ineinander. Meine Partnerin hat heute die Medikamente gut im Griff. Eine Unterstützung bei der Einnahme ist nicht erforderlich. Auf meine Frage, ob sie nach dem Frühstück das Bett abziehen könne, kam mir ein freudiges Ja entgegen. Eine Aufgabe delegiert.

Abreisen heißt Packen

Mir gelingt es danach, meine Partnerin davon zu überzeugen, dass sie sich jetzt entspannt dem Malen widmen kann. Wenn ich ihre Hilfe erneut benötige, würde ich mich schon melden. Für alle Fälle stand das benutzte Geschirr im Spülbecken. Sollte es ich anders gehen, dann kann ich sie bitten, zu spülen. 

Das Packen und klar machen der Räume, lief in meinem Tempo und nach meinen Vorstellungen ab. Völlig ungestört. Sie saß vertieft vor ihrem Mandala während ich packte. Im Schlafzimmer angekommen sehe ich, was meine Frau mit fertig meint. Das Kissen auf  ihrer Betthälfte hat sie abgezogen. Alles andere ist unangetastet geblieben. Ich thematisiere es nicht. Ist schnell erledigt. 

Vor unserer Reise hatte ich mit Freunden abgesprochen, dass wir auf der Rückfahrt bei ihnen einen Stopp einlegen. Das hatte ich gestern erzählt. Seit dem ist meine Partnerin bemüht, sich an die beiden zu erinnern, was ihr nicht gelingen will. Mein Erzählen hilft nicht wirklich. Doch sie freut sich. 

Logo Vakantiepark Mölke
Logo Vakantiepark Mölke

Die vor der Abfahrt zu erledigenden Aufgaben sind abgeschlossen. Schlüssel zurück und noch ein letztes Softeis auf die Hand. 

Los geht’s

Entspannt starten wir in Mölke um 11:58 Uhr.

Peugeot 3008 - Reise kann beginnen
Die Reise kann beginnen

Es lässt sich gut fahren. Nach 90 Minuten verlassen wir die Autobahn um in Venray eine Pause einzulegen und eine Kleinigkeit zu essen. Im Kunstcafé des Theaters nehmen wir Platz. Ein Lunchmenue, bestehend aus drei Komponenten, teilen wir uns. Eine kleine Bowle Salat mit Lachswürfel für meine Frau, eine Tasse Spargelcremesuppe und Süßkartoffen Pommes für mich. 

Eine Stunde später sind wir bei den Freunden. 

Eine schöner Besuch, der in gewisser Weise diese Reise für mich abschließt und sie rund macht. Immer wieder bin ich davon erstaunt, wie schnell wieder Nähe zu spüren ist, vertraut sein sich einstellt. Wenn meine Frau anfängt Fragen zu stellen, dann zeigt es von Sicherheit, die sie hat. 

Ankommen

Später als geplant, verlassen wir sie. Um 19:30 Uhr stehen wir vor der Haustür. Mein Drama beginnt. Beide Haustürschlüssel sind nicht greifbar. Langsam macht sich ein Gemisch aus Panik und Ratlosigkeit in mir breit. Und dann, nachdem ich in allen Taschen gesucht hatte, gehe ich zum Auto, öffne die Mittelkonsole und entnehme selbstverständlich die Schlüssel. Ich bin bekoppt, durchgedreht, senil, denke ich. Wieso konnte ich zuvor nicht einfach am „vertrauten“ Ort suchen und finden? Hätten wir eine Raststätte angefahren, wäre mein Griff selbstverständlich ins Fach der Mittelkonsole gewesen. Meine Frau stand die ganze Zeit am Auto und wunderte sich über mich. Ob sie die Situation durchschaute, weiß ich nicht zu sagen. 

Das gesamte Gepäck nach oben. . Die Fahrräder bleiben vorerst auf dem Träger. 

Langsam und immer zielstrebiger baut sich der Stress zwischen der überforderten, übermüdeten und unruhigen Partnerin und mir auf. Mit jeder gesagten Silbe, jeder Bewegung und Handlung, bahnt sich der Konflikt, der Stress  den Weg. Sie tickt aus, will nur noch Ruhe, nur noch weg. Es dauert, bis ich mich in dieser Situation zurecht finde. Stoisch und schweigende, packe ich Tasche für Tasche aus, leere den Koffer und verfrachte alles dorthin, wo es hingehört. Zum Schluss bringe ich sie ins Bett. Ihr Tag ist zu Ende. Endlich.  

Der kurze Aufenthalt auf dem Balkon zeigt mir, unser Sohn hat sich toll um die Pflanzen gekümmert. Spuren des angesagten Unwetters am Freitag sind nicht zu übersehen.  Zahlreiche Gefäße sind randvoll mit Wasser gefüllt.   

22 Uhr. Ich sitze erstmals. Meine „Belohnung“ ein 

Whisky Etiket Aardbeg AN OA von Islay
Etiket Aardbeg AN OA von Islay

Wie gut er riecht und erst einmal sein Geschmack. Taste it. Like it. Wunderbar. Auch wenn ich alleine den Drum genieße, eine Wohltat. Nicht aus Frust. Aus Lust auf etwas außergewöhnliches. Ich tue mir zu meiner Freude was Gutes.

Nur die Post ist noch zu öffnen. Das klappt. Der neue Rentenbescheid ist gekommen. Ab Juli bekomme ich mehr Rente. Ich hatte mich als pflegender Angehöriger entschieden, auf einen kleinen Prozentsatz meiner Altersrente zu verzichten. Ausgezahlt bekomme ich 99,9% meiner Altersrente. Die Pflegekasse entrichtet, entsprechend der Pflegestufe meiner Frau für mich als pflegender Angehörige, Beiträge an die Rentenkasse. Ende Mai, Anfang Juni des Folgejahres wird mir ein neuer Rentenbescheid zugestellt.  Eine positive Nachricht.

Fazit

Auf der Rückfahrt sagte meine Frau: „Ich würde gerne wieder so was machen.“ Ich: Was meinst du? Sie: Ja so was. Ich: Meinst du verreisen? Sie: Ja, so verreisen. Ich: Okay, dann schaue ich mal. In vier Wochen reisen wir in den Spreewald. Sie: Ja, das meine ich.

Um 23:01 Uhr bekomme ich die Augenlider nur mit Mühe wieder geöffnet. Jetzt ist Zeit fürs Bett. Ich texte morgen weiter.